„Das ist das absolut Coolste nach dem Studium“

Das Europäische Parlament vergibt regelmäßig Praktika an Hochschulabsolvent*innen. Wie kann man sich bewerben? Wie stehen die Chancen? Und welche Einsatzorte sind möglich? Antworten darauf gibt euch Annika, die gerade ein Schuman-Praktikum beim Verbindungsbüro des Europäischen Parlaments in Berlin macht.

Interview: Ray Finger (19), Bundesfreiwilligendienstler, Freiwilliger bei gemeinsamfür.eu und aktiv im MeetEU Team.

Ray: Moin Annika, vielen Dank, dass du dir Zeit für unser Interview nehmen konntest. Wer bist du eigentlich? Erzähle bitte mal.

Annika: Hey Ray, ich bin momentan Praktikantin im Verbindungsbüro des Europäischen Parlaments hier in Berlin. Ich komme gebürtig aus Rheinland-Pfalz. Zum Studium bin ich nach Maastricht gegangen. Dort habe ich European Studies (Europawissenschaften) auf Bachelor studiert. Anschließend habe ich das Praktikum beim Europäischen Parlament bekommen. Seit Anfang März bin ich nun dabei. Es macht großen Spaß. Ich wusste zwar vorher schon, wofür die einzelnen Institutionen stehen und wie diese zusammenarbeiten, aber ich lerne noch sehr viel dazu, über die Arbeitsweisen, die internen Strukturen.

Du meintest, dass du bereits einen europapolitischen Hintergrund hattest. Wie kam der zustande?

In der Schule bin ich durch einen Schüler*innenaustausch bereits in Frankreich und Polen gewesen, auch im Urlaub habe ich einiges gesehen. Dadurch habe ich eine Passion für Europa entwickelt. Deswegen habe ich Europawissenschaften studiert. In Maastricht haben wir komplett auf Englisch studiert und auch in der Freizeit mehr oder weniger nur Englisch gesprochen. Meine Kommiliton*innen waren aus ganz Europa. Das war eine ganz tolle Erfahrung, selbst unsere Professor*innen waren international aufgestellt.

Ich wollte schon in einem ganz frühen Moment dieses Praktikum machen. Das ist das absolut Coolste nach dem Studium, dachte ich.

"Die SMS und die E-Mails sollte man sofort öffnen, denn man hat nur 72 Stunden Zeit, um das Angebot anzunehmen."
Annika
Schuman-Praktikantin

Was sind die Voraussetzungen für das Praktikum? Welche Hürden musstest du nehmen?

Der Bewerbungsprozess ist gestaffelt. Man bewirbt sich innerhalb einer Bewerbungsphase von einem Monat – für mich war das der November. Normalerweise werden 400 Praktikumsplätze vergeben und zwar an den drei Hauptstandorten Brüssel, Luxemburg und Straßburg, aber auch in allen Verbindungsbüros, das heißt in jeder Hauptstadt und teilweise auch in größeren Städten der Mitgliedsstaaten.

Anschließend bereitet man seinen Lebenslauf und sein Motivationsschreiben vor und füllt eine Onlinemaske aus. Danach muss man eine Weile warten. Durch die große Anzahl an Bewerbungen liegen die Erfolgschancen bei zwei Prozent. Ausschlaggebend ist ein Zusammenspiel deiner Erfahrungen, deiner Ausbildung, deinem Anschreiben und der Position, auf die du dich bewirbst

Im Januar erhielt ich eine SMS, dass ich in der engen Auswahl sei. Daraufhin hat man zwei Wochen Zeit, um drei Dokumente hochzuladen: das Diplom mit Stempeln etc., eine Kopie des Passes und das polizeiliche Führungszeugnis. Zwei oder drei Wochen später kam die nächste erlösende SMS: „Herzlichen Glückwunsch! Sie haben gerade ein Angebot für ein Praktikum erhalten.“ Ich war selbstverständlich aus dem Häuschen!

Die SMS und die E-Mails sollte man sofort öffnen, denn man hat nur 72 Stunden Zeit, um das Angebot anzunehmen. Letztendlich kann ich sagen, Berlin ist eine wunderschöne Stadt und ich habe einen wundervollen Praktikumsplatz direkt am Brandenburger Tor.

Wenn du gerade von deiner Arbeit sprichst, wie arbeitet das Verbindungsbüro in Berlin?

Viele kennen die Verbindungsbüros nicht, obwohl sie eine so wichtige Aufgabe haben, nämlich die Verbindung zwischen den Mitgliedsstaaten sowie den Bürger*innen und der EU herzustellen. Viele meinen, dass Brüssel oder Luxemburg weit weg seien, aber dabei sind wir doch alle die EU.

Also die Verbindungsbüros des Europäischen Parlaments verbinden vor allem Mitglieder des Parlaments mit den Bürger*innen Deutschlands, das geschieht durch Dialoge, Diskussionen, Öffentlichkeitsarbeit und Austausche.

Doch es ist nicht nur so, dass nur die EU ins Mitgliedsland kommt, sondern auch, dass die Bürger*innen in die EU mitgenommen werden. Das geschieht zum Beispiel durch Studienreisen oder Wettbewerbe, bei denen man Fahrten nach Straßburg gewinnen kann.

Würdest du sagen, deine Meinung zur EU hat sich verändert?

Meine Sicht hat sich verändert – zum Positiven. Man hat einfach ein persönlicheres Verhältnis, wenn man die ganzen Kollegen kennenlernt. Dadurch wird man wirklich ein Teil der Europäischen Union. Ich werde nicht wie eine Praktikantin behandelt, sondern eher wie eine vollwertige Kollegin. Außerdem arbeite ich nicht nur mit den Berliner Kollegen zusammen, sondern auch mit den Kolleginnen in Brüssel. Besonders jetzt, wo die deutsche EU-Ratspräsidentschaft anfängt, erhält man einen total spannenden Blick hinter die Kulissen.

Was ist dein Plan nach dem Praktikum?

Leider endet das Praktikum Ende Juli, weil es immer feste Praktika von fünf Monaten sind. Dann geben wir den nächsten Leuten eine Chance. Am liebsten würde ich in Berlin bleiben. Zurzeit suche ich eine Stelle oder ein Praktikum, das mich hier behält. Langfristig möchte ich ein Masterstudium in Richtung Europawissenschaften dranhängen.

Würdest du das Praktikum weiterempfehlen?

Auf jeden Fall. Es lohnt sich. Die einzigen Kosten sind zeitlicher Natur. Außerdem werden nicht nur Leute mit einem europapolitischen Hintergrund gesucht, sondern alle über die ganze Bandbreite hinweg, wie Volkswirt*innen, Jurist*innen oder Historiker*innen.

Vielen Dank für den Eindruck von Dir und deinem Praktikum. Lass es dir im Namen von gemeinsamfür.eu weiterhin gut gehen.

Annika: Es hat mir Spaß gemacht, vielen Dank!